Identität: Wer Du bist, wenn die alten Rollen wegfallen

Wenn eine langjährige Beziehung endet, wenn Kinder ausziehen, wenn eine berufliche Rolle wegfällt, die Dich jahrelang definiert hat, taucht früher oder später eine Frage auf: Wer bin ich eigentlich, wenn all das, worüber ich mich bisher definiert habe, gerade wegbricht? Diese Frage kann sich beängstigend anfühlen, fast so, als würdest Du vor einer Leere stehen. Sie ist aber auch eine der ehrlichsten Fragen, die Du Dir in einem Umbruch stellen kannst, denn sie führt Dich direkt zum Thema Identität, dem umfassendsten und zugleich persönlichsten der drei Begriffe, mit denen ich mich in dieser kleinen Reihe beschäftigt habe.

Was Identität eigentlich ist

Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson beschreibt Identität als das Gefühl innerer Kontinuität (Beständigkeit) und Kohärenz (Stimmigkeit), das Dich über verschiedene Lebensphasen, Rollen und Erfahrungen hinweg als dieselbe Person erleben lässt, auch wenn sich vieles um Dich herum und in Dir verändert. Erikson ging davon aus, dass sich Identität nicht nur einmal in der Jugend bildet und dann feststeht, sondern dass sie sich über das gesamte Leben hinweg weiterentwickelt. Insbesondere an großen Übergangspunkten, die er als Krisen bezeichnete, nicht im Sinne von Katastrophen, sondern im Sinne von entscheidenden Wendepunkten. Gerade an solchen Übergängen wird oft neu verhandelt, was zu Dir gehört und wie Du Dich selbst verstehst.

Ein zweiter Baustein stammt aus der narrativen Identitätsforschung, vor allem verbunden mit dem Psychologen Dan McAdams. Diese Forschungsrichtung geht davon aus, dass Du Deine Identität nicht als feste Liste von Eigenschaften erlebst, sondern als eine Geschichte, die Du Dir über Dich selbst erzählst, mit einem Anfang, bestimmten Wendepunkten und einer Richtung, in die sie sich entwickelt. Ich finde diese Perspektive gerade für Dich in dieser Lebensphase besonders hilfreich, denn sie bedeutet: Eine Trennung oder ein großer Umbruch ist nicht das Ende Deiner Geschichte, sondern ein Wendepunkt innerhalb dieser Geschichte, den Du selbst mitgestalten kannst, auch wenn Du ihn Dir nicht ausgesucht hast.

Wichtig ist auch hier die Abgrenzung zu den beiden anderen Begriffen, über die ich bereits geschrieben habe. Das Selbstbild ist die Beschreibung, wie Du Dich siehst, der Selbstwert die Bewertung dieser Beschreibung, und die Identität die übergeordnete Erzählung, die all das zu einem sinnhaften Ganzen verbindet, über die Zeit hinweg. Du kannst Dein Selbstbild in Teilen verändern und Deinen Selbstwert stärken, und trotzdem eine Phase durchleben, in der Deine Identität, also Deine übergeordnete Geschichte über Dich selbst, ins Wanken gerät, weil ein zentrales Kapitel dieser Geschichte gerade zu Ende geht und noch nicht klar ist, wie das nächste beginnt.

Wofür eine bewusste Arbeit an Deiner Identität hilfreich ist

Sie hilft Dir, die diffuse Verunsicherung in Umbruchphasen einzuordnen. Das Gefühl, zeitweise nicht mehr genau zu wissen, wer Du bist, kann in großen Übergangsphasen eine nachvollziehbare Reaktion sein. Wenn vertraute Rollen und Bezugspunkte wegfallen, braucht auch das eigene Selbstverständnis Zeit, sich neu zu sortieren. Wenn Du weißt, dass diese Verunsicherung ein erwartbarer Teil des Prozesses ist, statt ein Beweis dafür, dass mit Dir etwas nicht stimmt, nimmst Du ihr bereits einen erheblichen Teil ihrer Bedrohlichkeit.

Sie gibt Dir auch die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten, wer Du als Nächstes wirst, statt passiv abzuwarten, was übrig bleibt. Wenn Du Deine Identität als Geschichte verstehst, die Du selbst mitschreibst, dann bist Du nicht nur Betroffene der Veränderung, sondern auch Autorin des nächsten Kapitels. Das verändert die innere Haltung erheblich, weg von „Was bleibt mir noch“ hin zu „Was möchte ich als Nächstes für mich schreiben“.

Es kann hilfreich sein, Dein Selbstverständnis nicht ausschließlich an eine einzige Rolle zu knüpfen. Wenn neben Partnerschaft oder Mutterschaft auch eigene Werte, Interessen, Fähigkeiten und Beziehungen Raum haben, bleibt mehr von dem sichtbar, was Dich ausmacht, wenn sich eine Rolle verändert.

Und schließlich ermöglicht eine bewusste Identitätsarbeit echte Neuausrichtung statt bloßer Wiederholung alter Muster. Vertraute Rollen können nach einem Umbruch besonders anziehend wirken, gerade weil sie bekannt sind und Orientierung geben. Eine bewusste Auseinandersetzung kann Dir helfen zu prüfen, welche Teile davon Du behalten möchtest und welche nicht mehr zu Dir passen.

Wie sich Deine Identität im Alltag bewusst weiterentwickeln lässt

Vergegenwärtige Dir Deine eigene Lebensgeschichte, so wie Du sie Dir bisher erzählst. Nimm Dir Zeit und schreibe in wenigen Absätzen auf, wie Du Deinen bisherigen Lebensweg zusammenfassen würdest, welche Wendepunkte Du als entscheidend beschreibst und welche Rolle der aktuelle Umbruch in dieser Geschichte spielt. Achte dabei bewusst darauf, ob Du diesen Umbruch als Ende oder als Übergang beschreibst, denn diese Formulierung sagt viel darüber aus, wie Du ihm gegenüberstehst, und Du darfst sie bewusst verändern, wenn sie Dir nicht mehr dient.

Such gezielt nach identitätsstiftenden Bereichen jenseits der weggefallenen Rolle. Frag Dich: Welche Fähigkeiten, Interessen oder Werte habe ich, die unabhängig von meiner bisherigen Rolle als Partnerin, Mutter oder Mitarbeiterin bestehen? Vielleicht warst Du schon immer jemand, der gerne organisiert, kreativ denkt oder anderen zuhört, unabhängig davon, in welcher konkreten Rolle Du das bisher ausgelebt hast. Diese übergreifenden Eigenschaften können zu neuen Ankerpunkten werden, auf denen sich Deine Identität neu aufbauen lässt, auch wenn die konkrete Rolle sich ändert.

Manchmal hilft auch ein Blick nach vorn statt nur zurück. Stell Dir vor, Du triffst in fünf Jahren eine Version von Dir selbst, die den aktuellen Umbruch gut durchlaufen hat. Frag Dich: Welche Eigenschaften hat diese Frau entwickelt, wie geht sie mit Herausforderungen um, worauf ist sie stolz? Diese Übung zeigt Dir oft sehr konkret, welche Richtung Du Deinem nächsten Kapitel geben möchtest.

Auch widersprüchliche Seiten dürfen gleichzeitig zu Dir gehören. Vielleicht vermisst Du Dein altes Leben und willst trotzdem nicht dorthin zurück. Vielleicht bist Du ängstlich und gleichzeitig mutiger als früher. Identität bedeutet nicht, immer eindeutig zu sein. Sie darf Widersprüche enthalten und sich trotzdem stimmig anfühlen.

Ein Schlusswort

Deine Identität ist keine feste Statue, die einmal fertig gemeißelt wurde und seitdem unverändert bleibt, sondern eine Geschichte, die Du Dein Leben lang weiterschreibst, mit Kapiteln, die enden, und Kapiteln, die neu beginnen. Der aktuelle Umbruch mag sich anfühlen wie das Ende eines wichtigen Kapitels, und das ist er auch, aber er ist nicht das Ende Deiner Geschichte insgesamt. Du darfst Dir die Zeit nehmen, herauszufinden, wer Du jenseits der alten Rollen bist, ohne diese Frage sofort und vollständig beantworten zu müssen. Gerade in dieser offenen Frage kann auch ein Freiraum liegen. Vielleicht musst Du heute noch nicht wissen, wer Du als Nächstes sein wirst. Du darfst es Schritt für Schritt herausfinden.

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