Selbstwert: Warum Dein Wert nicht davon abhängt, was Du leistest
Wie oft hast Du Dir in den letzten Wochen sinngemäß gesagt: „Ich habe mir das noch nicht verdient“ oder „Erst wenn ich das geschafft habe, darf ich zufrieden mit mir sein“? Diese Sätze klingen unscheinbar, fast bescheiden. Dabei stecken sie mitten im Kern eines Themas, das viele Frauen in Umbruchphasen besonders intensiv beschäftigt: die Frage nach dem eigenen Selbstwert. Anders als beim Selbstbild, bei dem es darum geht, wie Du Dich beschreibst, geht es beim Selbstwert um etwas Grundlegenderes, um die innere Antwort auf die Frage, wie viel Du Dir selbst wert bist, unabhängig davon, was Du gerade leistest, wie Du aussiehst oder wer gerade mit Dir zufrieden ist.
Was Selbstwert eigentlich ist
Der Soziologe Morris Rosenberg definiert Selbstwert als die grundlegende Bewertung des eigenen Wertes als Person. Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die im Alltag oft übersehen wird: die zwischen stabilem und kontingentem Selbstwert. Ein stabiler Selbstwert ist relativ unabhängig von äußeren Umständen, Du fühlst Dich grundsätzlich wertvoll, auch wenn ein Projekt scheitert, eine Beziehung endet oder jemand Kritik an Dir übt. Ein kontingenter Selbstwert dagegen hängt davon ab, ob bestimmte Bedingungen erfüllt sind, etwa ein beruflicher Erfolg, das gute Aussehen, die Zustimmung anderer Menschen oder daran, für andere unentbehrlich zu sein. Solange diese Bedingungen erfüllt sind, fühlt sich der Selbstwert stabil an. Sobald sie wegfallen, bricht er oft massiv ein, manchmal von einem Tag auf den anderen.
Diese Unterscheidung erklärt, warum gerade Lebensumbrüche den Selbstwert so stark erschüttern können. Wenn Dein Selbstwert über Jahre an eine bestimmte Rolle gekoppelt war, etwa an „gute Ehefrau“, „unentbehrliche Mitarbeiterin“ oder „Frau, die alles im Griff hat“, und diese Rolle durch eine Trennung, einen Jobverlust oder eine andere Veränderung wegfällt, dann fällt gefühlt nicht nur die Rolle weg, sondern die Grundlage Deines eigenen Wertes gleich mit. Das ist einer der Gründe, warum Umbruchphasen sich oft nicht nur wie eine äußere Veränderung anfühlen, sondern wie eine tiefe Erschütterung des eigenen Selbstverständnisses, so als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen.
Wichtig ist auch die Abgrenzung zu den beiden benachbarten Konzepten, über die ich bereits geschrieben habe beziehungsweise noch schreiben werde. Das Selbstbild beschreibt, wie Du Dich siehst, der Selbstwert bewertet dieses Bild, und die Identität stellt die übergeordnete Kontinuität her, die Dich über verschiedene Lebensphasen hinweg als dieselbe Person erleben lässt. Man kann durchaus ein differenziertes, realistisches Selbstbild haben und trotzdem einen geringen Selbstwert, wenn die Bewertung dieses Bildes hart und selbstkritisch ausfällt. Genau deshalb reicht es oft nicht, nur an der Beschreibung zu arbeiten, sondern es lohnt sich, gezielt an der Bewertung selbst zu arbeiten.
Wofür ein stabiler Selbstwert konkret hilfreich ist
Er macht Dich widerstandsfähiger gegenüber Rückschlägen. Wenn Dein Wert als Person nicht an ein einzelnes Ergebnis gekoppelt ist, kann eine Absage, ein Fehler oder eine gescheiterte Bewerbung enttäuschend sein, ohne dass sie Dein gesamtes Selbstverständnis erschüttert. Du kannst dann sagen „Das hat nicht geklappt“ statt „Ich bin nichts wert“, und dieser Unterschied entscheidet oft darüber, ob Du nach einem Rückschlag weitermachst oder aufgibst.
Er verändert auch die Qualität Deiner Beziehungen. Wenn Du Dich grundsätzlich wertvoll fühlst, unabhängig davon, ob Du gerade gebraucht wirst oder allen gefällst, kannst Du Grenzen setzen, ohne Angst zu haben, dadurch Deinen Wert zu verlieren. Ein kontingenter Selbstwert, der stark an die Zustimmung anderer geknüpft ist, führt dagegen häufig dazu, dass Du eigene Bedürfnisse zurückstellst, um niemanden zu enttäuschen, aus einer tief sitzenden Angst heraus, sonst nicht mehr wertvoll zu sein.
Dein Selbstwert beeinflusst außerdem direkt, wie viel Du Dir überhaupt zutraust. Ein geringer Selbstwert führt häufig dazu, dass Du Chancen von vornherein ausschlägst, aus der unbewussten Annahme heraus, sie ohnehin nicht verdient zu haben oder ihnen nicht gewachsen zu sein. Ein stabiler Selbstwert erlaubt Dir dagegen, etwas Neues zu versuchen, ohne dass ein möglicher Misserfolg gleich Deine gesamte Person infrage stellt.
Und gerade für Deinen Neuanfang ist er die Grundlage dafür, dass Du Dein Leben nach Deinen eigenen Maßstäben gestalten kannst, statt nach den Erwartungen anderer. Solange Dein Wert davon abhängt, was andere über Dich denken, bleibst Du in gewisser Weise von diesen anderen abhängig, ganz gleich, wie unabhängig Dein äußeres Leben sonst aussieht.
Wie sich Dein Selbstwert im Alltag stärken lässt
Achte auf Deine eigene innere Bewertung, ohne sie sofort zu glauben. Wenn Du merkst, dass Dir nach einem Fehler ein Satz wie „Typisch, ich schaffe das eben nicht“ durch den Kopf geht, halte kurz inne und frag Dich: Spreche ich hier über eine konkrete Handlung, oder spreche ich hier über meinen gesamten Wert als Mensch? Ein Fehler oder eine problematische Entscheidung sagt etwas über eine konkrete Handlung oder ein Verhalten aus – nicht über Deinen grundsätzlichen Wert als Mensch.
Achte auch auf den Umgang mit Deinen eigenen Erfolgen. Viele Frauen mit einem eher kontingenten Selbstwert neigen dazu, eigene Erfolge klein zu reden, mit Sätzen wie „Das war doch nur Glück“ oder „Das hätte jeder geschafft“. Übe Dich stattdessen darin, einen Erfolg, und sei er noch so klein, bewusst anzuerkennen, ohne ihn sofort zu relativieren. Wenn Du zum Beispiel zum ersten Mal ein schwieriges Gespräch klar und ruhig geführt hast, erlaube Dir, das als das zu sehen, was es ist, nämlich eine eigene Leistung, für die Du Dir Anerkennung geben darfst, auch wenn niemand sonst sie bemerkt. Es geht dabei nicht darum, Deinen Selbstwert nun an positiven Leistungen aufzuhängen. Es geht darum, Erfolge nicht automatisch abzuwerten, nur weil sie von Dir selbst kommen.
Vergleiche mit anderen, gerade in sozialen Medien, sind kaum zu vermeiden, deshalb lohnt sich ein bewusster Umgang damit. Wenn Du eine andere Frau siehst, die scheinbar mühelos einen Neuanfang meistert, achte bewusst darauf, ob in Dir der Gedanke aufsteigt, dass Du im Vergleich weniger wert bist. Wenn ja, halte kurz inne und erinnere Dich daran, dass Dein Wert nicht relativ zu anderen gemessen wird, sondern unabhängig davon besteht, was andere gerade erreichen oder zeigen. Der Vergleich mag ein natürlicher Reflex sein, er sagt aber nichts Wahres über Deinen eigenen Wert aus.
Und dann ist da noch der Umgang mit Kritik, der bei vielen Frauen ein wunder Punkt ist. Wenn Du Kritik erhältst, sei es beruflich oder privat, prüfe zunächst sachlich, ob an dieser Kritik etwas Berechtigtes dran ist, das Du verändern möchtest. Trenne diese sachliche Prüfung aber bewusst von der Frage, ob Du deswegen weniger wert bist. Du kannst eine berechtigte Kritik annehmen und trotzdem gleichzeitig wissen, dass Dein grundsätzlicher Wert als Mensch davon nicht berührt wird, das eine schließt das andere nicht aus.
Ein Schlusswort
Ein stabiler Selbstwert ist keine Charaktereigenschaft, die manche Menschen einfach mitbekommen haben und andere nicht, sondern eine innere Haltung, die sich Stück für Stück aufbauen lässt, gerade auch nach Jahren, in denen sie stark an äußere Bedingungen geknüpft war. Es geht dabei nicht darum, dass Du Dich für alles feiern sollst, was Du tust, und es geht auch nicht darum, dass Kritik oder Rückschläge Dich nicht mehr berühren dürfen. Es geht darum, dass Du lernst, zwischen dem, was Du tust, und dem, was Du wert bist, klar zu unterscheiden.
Du musst Deinen Wert nicht jeden Tag neu verdienen. Er steht nicht auf dem Spiel, nur weil etwas misslingt, jemand Dich kritisiert oder ein Kapitel Deines Lebens endet.
