Einsamkeit: Warum sie nichts über Deinen Wert aussagt, sondern über eine unerfüllte Verbindung

Abends allein in der Wohnung, äußerlich ist nichts Dramatisches passiert, und trotzdem sitzt Dir plötzlich dieser schwere Kloß im Bauch. Viele Frauen in Deiner Lebensphase kennen dieses Gefühl, aber kaum jemand spricht offen darüber. Direkt hinterher kommt meist noch etwas Unangenehmeres dazu, nämlich Scham, weil Du Dich überhaupt einsam fühlst, obwohl Du Freunde hast, Kontakt zu Deiner Familie pflegst und nach außen hin ein ganz normales, funktionierendes Leben führst. Genau dieser Widerspruch macht Einsamkeit so schwer zu greifen. Deshalb lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen, was da eigentlich in Dir vorgeht, und was dieses Gefühl von Dir will.

Was Einsamkeit eigentlich ist

Der Sozialpsychologe John Cacioppo hat Einsamkeit über Jahrzehnte hinweg erforscht, und eine seiner zentralen Erkenntnisse trifft vermutlich auch bei Dir einen Nerv: Einsamkeit hat wenig damit zu tun, wie viele Menschen tatsächlich um Dich herum sind. Sie entsteht aus der Lücke zwischen der Nähe, die Du Dir wünschst, und der Nähe, die Du wirklich erlebst. Deshalb kannst Du mitten unter Menschen einsam sein, während eine andere Frau mit sehr wenigen Kontakten vollkommen zufrieden ist. Das Gefühl sagt also nichts darüber aus, ob mit Dir etwas nicht stimmt. Es ist eher so etwas wie Hunger oder Durst, ein Hinweis Deines Nervensystems darauf, dass ein Grundbedürfnis gerade zu kurz kommt, nämlich das nach echter Zugehörigkeit.

Der Psychologe Robert Weiss hat dazu noch eine Unterscheidung gemacht, die bis heute hilfreich ist. Er trennte die emotionale Einsamkeit, das Fehlen einer einzelnen engen, vertrauten Person, von der sozialen Einsamkeit, dem Fehlen eines größeren Umfelds aus Bekannten, Freunden oder einer Gemeinschaft. Wenn eine langjährige Beziehung endet, verschwindet oft genau die Person, die bisher die emotionale Nähe aufgefangen hat. Das soziale Netzwerk drumherum bleibt vielleicht unverändert bestehen, und trotzdem kann sich die Einsamkeit danach so intensiv anfühlen, als wäre plötzlich alles weg.

Und dann gibt es noch den Unterschied zum bewusst gewählten Alleinsein. Alleinsein kann guttun, sogar richtig erholsam sein, wenn Du es Dir selbst ausgesucht hast. Einsamkeit fühlt sich anders an. Sie kommt unabhängig davon, ob Du gerade allein oder in Gesellschaft bist, und sie fühlt sich immer ungewollt an, wie ein Zustand, aus dem Du eigentlich heraus möchtest, auch wenn Du im Moment nicht weißt, wie.

Wofür es sich lohnt, genauer hinzuschauen

Wenn Du das Gefühl als persönliches Versagen deutest, als Beweis, nicht liebenswert genug oder nicht interessant genug zu sein, wird es meist noch schwerer, weil sich Scham und Rückzug dazugesellen. Verstehst Du es stattdessen als Signal, ähnlich wie körperlichen Hunger, kannst Du es ernst nehmen, ohne Dich dafür zu verurteilen. Das allein verändert schon einiges.

Genauso hilft es Dir, zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit zu unterscheiden, statt das Problem pauschal mit „ich brauche mehr Leute um mich“ zu beantworten. Fehlt Dir vor allem eine tiefe, vertraute Bindung, wird ein voller Kalender mit vielen oberflächlichen Terminen daran wenig ändern. Umgekehrt gleicht eine einzelne enge Freundschaft nicht automatisch aus, dass Dir ein größeres soziales Umfeld fehlt. Erst wenn Du weißt, welche Art von Nähe Dir konkret fehlt, kannst Du dort ansetzen, wo es wirklich etwas bringt.

Und gerade in einer Umbruchphase wie Deiner ist Einsamkeit besonders wahrscheinlich, was ihr schon etwas von ihrem Schrecken nimmt, wenn Du es weißt. Nach einer Trennung verändert sich selten nur die engste Bindung. Gemeinsame Freundeskreise, Familienfeiern, selbstverständliche Verabredungen, plötzlich gibt es das alles so nicht mehr. Dass sich dabei eine Lücke auftut, ist keine persönliche Schwäche. Es ist eine ganz normale Folge eines tiefen Umbruchs, und diese Lücke lässt sich mit der Zeit wieder füllen.

Was Dir im Alltag konkret helfen kann

Frag Dich zuerst ehrlich, welche Art von Einsamkeit Du gerade spürst. Fehlt Dir vor allem eine einzelne, enge Person, mit der Du wirklich über alles reden kannst? Oder fehlt Dir eher ein breiteres Umfeld, in dem Du Dich zugehörig fühlst? Diese Unterscheidung entscheidet, wo Du ansetzt. Eine neue, tiefe Vertrauensperson zu finden, braucht Zeit und lässt sich nicht erzwingen. Ein lockereres soziales Umfeld aufzubauen gelingt dagegen oft schneller, in kleinen, machbaren Schritten.

Schau Dir auch bewusst an, welche bestehenden Kontakte einfach eingeschlafen sind. Vielleicht gibt es in Deinem Leben mehr Menschen, die offen für wieder mehr Kontakt wären, als Du gerade denkst. Eine kurze Nachricht an eine alte Freundin kostet wenig und öffnet manchmal eine Tür, die Du selbst schon für geschlossen gehalten hast.

Für neue Verbindungen hilft es, nicht darauf zu warten, dass sich Kontakte von selbst ergeben, sondern Dich bewusst in Situationen zu begeben, in denen Wiederholung möglich ist, ein fester Kurs, eine Gruppe, ein wiederkehrendes Treffen. Nähe entsteht selten beim ersten Zusammentreffen. Sie entsteht meist erst durch mehrere unaufgeregte Begegnungen über einen längeren Zeitraum, weshalb ein regelmäßiger Rahmen fast immer wirksamer ist als ein einmaliges Event.

Und wenn sich die Einsamkeit trotzdem zeigt, versuch nicht, sie sofort wegzudrücken. Sag Dir lieber, dass sie gerade auf ein echtes Bedürfnis hinweist, und frag Dich, welchen kleinen Schritt Du heute oder in den nächsten Tagen gehen kannst, um diesem Bedürfnis ein Stück näherzukommen. Ein Anruf. Eine Verabredung. Die Anmeldung zu einer Gruppe, die Dich schon lange interessiert.

Ein Schlusswort

Einsamkeit ist kein Beweis dafür, dass mit Dir etwas nicht stimmt. Sie ist ein ehrliches Signal, das auf ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Verbindung hinweist, das gerade unerfüllt bleibt. Nach einer Trennung oder in einem größeren Lebensumbruch ist dieses Gefühl keine Ausnahme, sondern eine ganz nachvollziehbare Reaktion auf das, was sich um Dich herum verändert hat. Begegne ihm mit Neugier statt mit Scham. Schau genau hin, welche Art von Nähe Dir fehlt, und geh, ohne Druck, Schritt für Schritt wieder auf Menschen zu, die zu dem passen, wer Du heute bist.

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