Selbstbild: Warum das Bild, das Du von Dir hast, oft älter ist als Du denkst

Wenn Du versuchst, Dich selbst in wenigen Sätzen zu beschreiben, wer taucht dann auf? Vermutlich meldet sich relativ schnell eine vertraute innere Stimme, die Dir sagt, ob Du eher die Vernünftige, die Verlässliche, die Überkritische oder die bist, die sich immer um alle kümmert. Diese Beschreibung fühlt sich an wie eine nüchterne Tatsache über Dich selbst. Dabei ist sie meistens etwas ganz anderes, nämlich ein Bild, das Du Dir über viele Jahre hinweg von Dir selbst zusammengesetzt hast, und das Dich möglicherweise gar nicht mehr trifft. Genau darum geht es beim Thema Selbstbild. Und gerade jetzt, in Deinem Neuanfang, lohnt es sich, dieses Bild genauer anzuschauen, statt es weiter unbesehen für die Wahrheit zu halten.

Was das Selbstbild eigentlich ist

Der Psychologe Carl Rogers hat in seiner Arbeit zur Persönlichkeitsentwicklung das sogenannte Selbstkonzept beschrieben, die Gesamtheit der Vorstellungen, Überzeugungen und Bewertungen, die Du über Dich selbst hast: über Deine Eigenschaften, Deine Fähigkeiten, Deine Rollen und Deinen Platz in der Welt. Dieses Selbstkonzept entsteht nicht auf einmal und auch nicht nur aus Deiner eigenen Beobachtung. Es entwickelt sich aus Deinen Erfahrungen, den Rückmeldungen anderer und den Schlussfolgerungen, die Du daraus über Dich selbst ziehst. Ein Kind, dem früh vermittelt wird, es sei „die Vernünftige“ oder „die Anstrengende“, trägt diese Zuschreibung oft weit über die Kindheit hinaus mit sich, auch dann noch, wenn sie längst nicht mehr zutrifft oder nie wirklich die ganze Wahrheit war. Vielleicht kennst Du das selbst: Du hast Dich jahrelang als ‚die Ruhige‘ beschrieben und stellst irgendwann fest, wie viel Wut, Energie oder Entschlossenheit eigentlich ebenfalls zu Dir gehört.

Wichtig ist, das Selbstbild von zwei benachbarten Konzepten zu unterscheiden, über die ich in weiteren Beiträgen schreibe. Das Selbstbild ist die kognitive Vorstellung davon, wie Du bist, also eine Art inneres Beschreibungsbild. Der Selbstwert dagegen ist die Bewertung dieses Bildes, die Antwort auf die Frage, wie viel Du Dir selbst wert bist. Und die Identität ist das übergeordnete Gefühl von Kontinuität, das Dich über verschiedene Rollen und Lebensphasen hinweg als dieselbe Person erleben lässt. Man kann es sich so vorstellen: Das Selbstbild liefert die Beschreibung, der Selbstwert das Urteil über diese Beschreibung, und die Identität ist die Geschichte, die all das über die Zeit hinweg zusammenhält.

Rogers unterschied außerdem zwischen dem realen Selbst, also dem, wie Du Dich tatsächlich erlebst, und dem idealen Selbst, also dem, wie Du glaubst sein zu sollen. Je größer die Kluft zwischen diesen beiden Bildern, desto größer ist häufig das innere Unbehagen, dieses vage Gefühl, nie ganz richtig zu sein. Interessant dabei ist, dass sich diese Kluft nicht nur dadurch verkleinern lässt, dass Du Dich veränderst, sondern auch dadurch, dass Du Dein Selbstbild selbst überprüfst und korrigierst, wenn es überholt oder verzerrt ist. Ein Selbstbild ist also keine feststehende Tatsache über Dich, sondern eine Art innere Landkarte, die Du zwar über lange Zeit gezeichnet hast, die Du aber auch nachträglich korrigieren kannst, wenn sie nicht mehr mit dem übereinstimmt, wie Du heute tatsächlich bist.

Wofür ein bewusster Blick auf Dein Selbstbild hilfreich ist

Es hilft Dir, veraltete Zuschreibungen zu erkennen. Viele der Überzeugungen, die Du über Dich trägst, stammen aus einer Zeit, in der Du eine ganz andere Lebenssituation hattest, vielleicht aus der Kindheit, vielleicht aus einer langen Beziehung, die Dich in eine bestimmte Rolle gedrängt hat. Wenn Du in dieser Beziehung über Jahre „die Nachgiebige“ warst, heißt das nicht, dass Nachgiebigkeit eine feststehende Eigenschaft von Dir ist. Es kann genauso gut eine Anpassung an eine bestimmte Dynamik gewesen sein, die jetzt, nach dem Ende dieser Beziehung, gar nicht mehr gebraucht wird.

Ein überprüftes Selbstbild eröffnet auch neue Handlungsmöglichkeiten. Wenn Du fest davon überzeugt bist, „nicht der technische Typ“ zu sein oder „noch nie gut in Präsentationen“ gewesen zu sein, dann vermeidest Du wahrscheinlich automatisch Situationen, die genau das von Dir verlangen, selbst wenn sich Deine tatsächlichen Fähigkeiten längst weiterentwickelt haben. Dein Selbstbild wirkt dabei wie ein Filter, durch den Du neue Erfahrungen wahrnimmst, und ein zu enges oder veraltetes Bild verengt entsprechend auch den Raum dessen, was Du Dir überhaupt zutraust.

Ein flexibleres Selbstbild kann Dir außerdem helfen, Umbrüche besser einzuordnen. Wenn sich äußere Rollen verändern, etwa durch eine Trennung, einen beruflichen Wechsel oder den Auszug der Kinder, gerät ein Selbstbild, das fast vollständig an diesen Rollen hängt, leichter ins Wanken. Wenn Dein Selbstbild bisher stark an „Ehefrau“ oder „Mutter, die für alle da ist“ geknüpft war, ist es besonders wichtig, es jetzt bewusst zu erweitern, statt in ein Vakuum zu fallen, sobald diese Rolle wegfällt oder sich verändert.

Wie sich Dein Selbstbild im Alltag überprüfen und erweitern lässt

Nimm Dir einen Moment Zeit und schreibe fünf Sätze auf, die mit „Ich bin“ beginnen. Schau Dir anschließend jeden dieser Sätze an und frag Dich: Woher stammt diese Überzeugung, wann habe ich sie zum ersten Mal über mich gehört oder gedacht, und stimmt sie heute noch, oder ist sie ein Überbleibsel aus einer früheren Phase meines Lebens? Allein diese Übung macht Dir oft schon deutlich, wie viele Deiner scheinbar festen Aussagen über Dich selbst eigentlich Deutungen sind, die irgendwann entstanden sind.

Schau anschließend bewusst nach Erfahrungen, die nicht zu Deinem alten Bild passen. Wenn Du eine Überzeugung wie „Ich kann mich nicht durchsetzen“ bei Dir entdeckst, such gezielt nach Situationen aus Deinem eigenen Leben, in denen Du Dich sehr wohl durchgesetzt hast, auch wenn es nur kleine Momente waren, ein Gespräch, in dem Du klar Nein gesagt hast, eine Entscheidung, die Du gegen Widerstand getroffen hast. Diese Gegenbeispiele existieren fast immer, sie werden von Deinem bisherigen Selbstbild nur häufig ausgeblendet, weil sie nicht in das gewohnte Bild passen. Wenn Du sie bewusst sammelst, beginnt sich das Bild langsam zu verschieben.

Besonders spannend wird es, wenn Du etwas Neues ausprobierst, das nicht zu Deinem bisherigen Selbstbild passt. Wenn Du zum Beispiel zum ersten Mal etwas beruflich Eigenständiges aufbaust, obwohl Du Dich bisher immer als „die, die im Hintergrund unterstützt“ gesehen hast, wird sich dieser neue Schritt zunächst ungewohnt und vielleicht sogar unpassend anfühlen. Das ist kein Zeichen dafür, dass Du auf dem falschen Weg bist, sondern ein normales Zeichen dafür, dass Dein Selbstbild noch nicht mit Deiner neuen Erfahrung mitgezogen ist. Es hilft in solchen Momenten, Dir bewusst zu sagen: Dieses ungewohnte Gefühl bedeutet nicht, dass ich es nicht kann, es bedeutet nur, dass mein altes Bild von mir gerade aktualisiert wird.

Und dann gibt es noch die alten Zuschreibungen von außen, die einen manchmal überraschend hartnäckig einholen. Wenn jemand aus Deiner Familie oder Deinem alten Umfeld Dich weiterhin in einer Rolle sieht, die Du längst hinter Dir lassen möchtest, etwa als „die, die sich immer kümmert“ oder „die, die nie widerspricht“, kannst Du Dir bewusst machen, dass diese Zuschreibung etwas über die Erwartung dieser Person aussagt, nicht zwangsläufig etwas über Dein tatsächliches Selbstbild. Andere Menschen dürfen ein altes Bild von Dir haben. Du musst nicht weiter danach leben. Du darfst diese alte Rolle wahrnehmen, ohne Dich verpflichtet zu fühlen, in ihr zu bleiben, nur weil andere sie gewohnt sind.

Ein Schlusswort

Dein Selbstbild ist kein Urteil, das ein für alle Mal über Dich gefällt wurde, sondern ein Entwurf, den Du über Jahre gezeichnet hast und den Du jetzt, mit neuem Wissen und neuer Erfahrung, überarbeiten darfst. Das bedeutet nicht, dass Du Dich komplett neu erfinden musst, viele Anteile Deines bisherigen Bildes werden auch weiterhin stimmen. Es bedeutet nur, dass Du Dir erlaubst, genau hinzuschauen, welche Teile davon wirklich noch zu Dir passen und welche längst überholt sind. Gerade in dieser Phase Deines Lebens, in der sich so vieles um Dich herum verändert, darf sich auch das Bild verändern, das Du von Dir selbst trägst, nicht als Verlust, sondern als eine ehrlichere, aktuellere Version von Dir, die dem Menschen entspricht, der Du heute tatsächlich bist.

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