Mindset: Warum die Art, wie Du über Dich selbst denkst, Dein Leben mehr bestimmt als Du denkst

Kennst Du diesen inneren Satz, der sich meldet, sobald Du etwas Neues ausprobieren möchtest, und der ungefähr so klingt: Das schaffst Du in Deinem Alter nicht mehr, oder das ist doch sowieso zu spät? Dieser Satz fühlt sich an wie eine Tatsache, wie eine nüchterne Einschätzung der Realität. Dabei ist er meistens nichts anderes als eine Gewohnheit Deines Denkens, die sich über viele Jahre eingeschliffen hat, so unbemerkt, dass Du sie kaum noch als Meinung erkennst. Genau darum geht es beim Thema Mindset, einem Begriff, der inzwischen ziemlich überstrapaziert wird, aber trotzdem etwas sehr Reales beschreibt, das mit Deinem Neuanfang direkt zu tun hat.

Was Mindset eigentlich ist

Der Begriff wurde vor allem durch die amerikanische Psychologin Carol Dweck bekannt, die über Jahrzehnte erforscht hat, wie Menschen über ihre eigenen Fähigkeiten denken und wie sich dieses Denken auf ihr Verhalten auswirkt. Sie unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Haltungen, einem statischen und einem dynamischen Selbstbild. Bei einem statischen Selbstbild gehst Du davon aus, dass Fähigkeiten, Intelligenz oder Talent im Wesentlichen feststehen. Entweder Du kannst etwas, oder Du kannst es nicht, und Anstrengung gilt in dieser Logik fast als Beweis dafür, dass Dir etwas nicht liegt. Bei einem dynamischen Selbstbild gehst Du dagegen davon aus, dass sich Fähigkeiten durch Übung, Erfahrung und bewusste Anstrengung weiterentwickeln lassen. Ein Rückschlag ist in dieser Denkweise keine Bestätigung eigener Unzulänglichkeit, sondern schlicht ein Teil des Lernprozesses, manchmal sogar der wichtigste.

Wichtig ist, Mindset nicht mit Optimismus zu verwechseln. Es geht nicht darum, alles positiv umzudeuten oder Schwierigkeiten kleinzureden, das wäre eher naiv als hilfreich. Es geht um die Grundannahme, die im Hintergrund mitläuft, wenn Du auf eine Herausforderung triffst: Glaubst Du, dass sich an Deiner Situation grundsätzlich etwas ändern lässt, wenn Du bereit bist, dafür etwas zu investieren, oder glaubst Du, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind, weil sie eben so sind, wie Du bist? Diese Grundannahme beeinflusst oft schon, ob Du eine Möglichkeit überhaupt ausprobierst oder sie früh wieder verwirfst.

Ein zweiter Baustein stammt aus der kognitiven Verhaltenspsychologie und betrifft die sogenannten automatischen Gedanken, Denkmuster, die so oft wiederholt wurden, dass sie ohne bewusstes Zutun ablaufen. Man kann es sich vorstellen wie eine eingefahrene Route, die Dein Gehirn nimmt, ohne dass Du sie noch bewusst steuerst, so wie Du auch nicht mehr nachdenkst, wo Du beim Autofahren zur gewohnten Arbeit abbiegen musst. Wenn Du über Jahrzehnte den Gedanken wiederholt hast, dass Du für andere da sein musst, bevor Du an Dich selbst denken darfst, taucht dieser Gedanke irgendwann automatisch auf, ganz ohne dass Du ihn aktiv abrufst. Die gute Nachricht: Diese Routen lassen sich verändern, sie sind kein festes Schicksal, sondern erlerntes Verhalten. Und erlerntes Verhalten kann man umlernen, auch mit fünfundvierzig oder fünfzig, was manchmal genau der Gedanke ist, der zuerst überwunden werden muss, noch bevor irgendeine praktische Veränderung überhaupt beginnt.

Wofür ein verändertes Mindset konkret hilfreich ist

Ein bewussteres Mindset verändert, wie Du mit Rückschlägen umgehst. Wenn Du an eine Zukunftsvision glaubst, in der sich Dinge entwickeln lassen, erlebst Du einen gescheiterten Versuch als Information, nicht als Urteil über Deinen Wert. Klingt nach einer kleinen Nuance, hat aber große Auswirkungen darauf, ob Du nach einem Rückschlag weitermachst oder aufgibst. Frauen, die nach einer Trennung oder einem beruflichen Umbruch neu anfangen, erleben zwangsläufig eine Phase, in der vieles nicht auf Anhieb gelingt, sei es die erste Bewerbung, das erste Coaching-Gespräch oder der erste eigene Auftritt vor Kunden. Ein Mindset, das Fehler als Teil des Weges betrachtet statt als Beweis der eigenen Unfähigkeit, entscheidet oft darüber, ob Du beim zweiten Versuch weitermachst.

Es beeinflusst auch, welche Möglichkeiten Du überhaupt wahrnimmst, was zunächst abstrakt klingt, aber einen sehr praktischen Effekt hat. Wenn Du fest davon überzeugt bist, dass für Dich in Deinem Alter beruflich nichts Neues mehr möglich ist, wirst Du Möglichkeiten, die dieser Überzeugung widersprechen, leichter übersehen oder schneller als unrealistisch abtun. Eine interessante Stellenanzeige, ein Gespräch mit einer inspirierenden Frau, eine Fortbildung, die eigentlich zu Dir passen würde, all das nimmst Du seltener bewusst wahr oder tust es schnell als unrealistisch ab. Ein offeneres Mindset öffnet dagegen den Blick für Möglichkeiten, die vorher einfach nicht auf Deinem Radar waren, nicht weil sie nicht existierten, sondern weil Du nicht danach gesucht hast.

Und dann ist da die Beziehung zu Dir selbst, die sich mit einem veränderten Mindset spürbar verschiebt. Ein Selbstbild, das von Selbstkritik und dem Gefühl geprägt ist, nie genug zu sein, führt fast zwangsläufig zu einer inneren Anspannung, die auf Dauer erschöpft, oft ohne dass man den Zusammenhang gleich erkennt. Ein Mindset, das Fortschritt statt Perfektion in den Mittelpunkt stellt, entlastet Dich innerlich, weil Du nicht mehr jeden Tag an einem unerreichbaren Maßstab gemessen wirst, sondern daran, ob Du Dich in eine Richtung bewegst, die Dir wichtig ist.

Wie sich ein verändertes Mindset im Alltag entwickeln lässt

Auch hier hilft die Theorie wenig, wenn sie nicht im Alltag ankommt. Ein paar Beispiele, konkret und ohne großen Aufwand.

Beobachte Deine automatischen Gedanken, ohne sie sofort zu bewerten. Wenn Dir zum Beispiel bei dem Gedanken an eine berufliche Neuorientierung sofort der Satz durch den Kopf geht, dafür bin ich zu alt, halte kurz inne und schreib ihn auf, statt ihn einfach als Wahrheit hinzunehmen. Frag Dich dann: Ist das eine Tatsache, oder ist das eine Gewohnheit meines Denkens? Und ganz konkret: Kenne ich eine Frau, die in meinem Alter oder später noch einmal beruflich neu angefangen hat? Meistens fällt Dir mindestens ein Beispiel ein, und dieses eine Beispiel reicht bereits aus, um den vermeintlich felsenfesten Satz ins Wanken zu bringen.

Die Sprache, die Du im Alltag über Dich selbst verwendest, ist ein unterschätzter Hebel. Ersetze den Satz „Ich kann das nicht“ bewusst durch „Ich kann das noch nicht“, auch wenn sich das anfangs ungewohnt oder sogar ein bisschen albern anfühlt, fast wie eine Floskel aus einem Motivationsbuch. Dieses kleine Wort „noch“ öffnet gedanklich eine Tür, die der ursprüngliche Satz komplett verschlossen hat, und mit der Zeit wird aus dieser sprachlichen Übung eine tatsächliche innere Haltung, nicht nur eine Formulierung.

Rückschläge sind der eigentliche Test für ein Mindset, denn genau dort zeigt sich, welche Denkweise wirklich trägt. Stell Dir vor, Du startest nach der Trennung Dein erstes eigenes Coaching-Angebot und bekommst bei den ersten Anfragen nur Absagen. Ein starres Mindset würde daraus schließen, dass Du für diesen Weg nicht geeignet bist. Ein dynamisches Mindset stellt stattdessen die Frage: Was kann ich aus diesen Rückmeldungen lernen, was möchte ich beim nächsten Mal anders machen, welche kleine Anpassung könnte den Unterschied machen? Diese Frage verändert nicht die Tatsache der Absage, aber sie verändert vollständig, was diese Absage über Deine Zukunft aussagt.

Auch Vergleiche, die uns über soziale Medien ständig begegnen, lassen sich mit einem bewussten Mindset anders lesen. Wenn Du eine andere Frau siehst, die scheinbar mühelos einen Neuanfang gemeistert hat, kann das entweder ein Beweis dafür sein, dass Du es nicht schaffst, oder ein Beweis dafür, dass es grundsätzlich möglich ist. Welche dieser beiden Lesarten Du wählst, ist eine Frage des Mindsets, keine Frage der Tatsachen, denn die Tatsache, die Du siehst, ist in beiden Fällen exakt dieselbe.

Ein Schlusswort

Dein Mindset ist keine feste Eigenschaft, die Du entweder besitzt oder nicht besitzt, sondern eine Gewohnheit des Denkens, die Du über Jahre entwickelt hast und die Du deshalb auch wieder verändern kannst. Das bedeutet nicht, dass ab morgen alles leicht wird, und es bedeutet auch nicht, dass Du jeden schwierigen Gedanken einfach wegdenken sollst. Es bedeutet, dass Du Dir erlaubst, Deine eigenen Denkmuster zu hinterfragen, statt sie unbesehen als Wahrheit hinzunehmen. Gerade in dieser Phase Deines Lebens, in der vieles neu gedacht werden darf, ist genau das der erste und vielleicht wichtigste Schritt: nicht sofort Dein ganzes Leben zu verändern, sondern zunächst die Stimme zu verändern, mit der Du mit Dir selbst sprichst. Du bist nicht zu spät, Du darfst noch lernen, und Du darfst Dir selbst zutrauen, was Du Dir bisher vielleicht nicht zugetraut hast.

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